Wie schreibt man Kryptochide???



 

 

Wie schreibt man Kryptochide?

Oder aber: was ist das überhaupt? Eigentlich wusste ich schon so ein wenig darüber bescheid, kam aber beim allerbesten Willen nicht auf den Trichter, dass mir sowas mal bei einem Pensionsgast feliner Art in umwerfend anschaulicher Weise über die Nase – äh – über den Weg bzw. durch’s Gästezimmer laufen könnte.

Fangen wir von vorn an. Wie alle, die meine Homepage kennen, biete ich auch Urlaubsvertretung für Katzen an. Am liebsten fahre ich dann in den ursprünglichen kätzischen Haushalt und versorge die Felle vor Ort; allerdings – Ausnahmen bestätigen die Regel – nehme ich auch ab und an Pensionsgäste bei mir auf. Das geht prima, nenne ich doch ein Gästezimmer mein eigen, welches für Mensch und Tier gleichermaßsen geeignet und ausgestattet ist. Bett, Kratztonne, Spielzeug, Schrank, elektrischer Massagesessel – alles da.

Es begab sich nun zur Vorweihnachtszeit, als ein Notruf mich ereilte. Der Tierschutz hatte meine Nummer weitergegeben und aus Berlin kam die Anfrage, ob ich nicht zwei herzallerliebste Perser für fünf Tage aufnehmen könnte. Sonst würde der Weihnachtsurlaub platzen. Meine Fragen nach Impfungen, Kastration und ähnlich Wichtigem wurden mit Inbrunst bejaht, worauf ich mich auf der sicheren Seite wähnte.

Da ich nun dieses Weihnachten zuhause verbrachte und kein Unmensch bin, der anderen das schönste Fest des Jahres wegen Nichtunterbringung zweier Perserkatzen komplett vermasselt, sagte ich zu, die beiden Pelzchen bei mir aufzunehmen.

Gesagt, getan und ein paar Tage vor dem Fest hielten die beiden Schätze bei mir Einzug. Mit ihnen ein Haufen Equipment und --- ein leichtes Odeur nach Kater, potentem??

„Kann gar nicht sein, der ist doch kastriert!! Und riechen sie mal, die Kissen sind frisch aus der Waschmaschine!“

Ich versicherte mir selbst, dass Einbildung auch eine Bildung sei und vielleicht meine Nase mir gegenüber einen Streich spielen wollte. Zu empfindlich der Riechkolben, oder? Die Dosenöffner zogen ab und zurück blieben die Perser, meine Felle und ich.

Am nächsten Tag empfand ich das leichte Katerodeur schon als etwas aufdringlicher. An Tag drei prallte ich beim Öffnen der Zimmertür entsetzt zurück: meine Nase hatte mich nicht getrogen und das leichte Katerodeur hatte sich über nacht zu einem ausgewachsenen, penetranten Gestank gemausert.

Ich fiel auf die Knie und schnüffelte nach bester Dackelmanier das Zimmer ab. Irgendwo musste sich Monseigneur doch verewigt haben! Nach einer guten halben Stunde erlebt meine Nase eine wahre Geruchsexplosion – auf der Sitzfläche des Massagesessels. Na prima – den kann ich wohl zum Sperrmüll tragen! Das zieht in jede Naht und ist nie, nie wieder rauszubekommen. Unter Tränen (eher vom Gestank) verabschiedete ich mich schon mal seelisch von meinem schönen Sessel, den ich allerdings bis zum Ende der Pensionszeit behalten musste. Wer weis, welche Stelle sich das Katertier sonst noch zum markieren sucht? Den Rauhputz von den Wänden zu schlagen hatte ich nun wirklich keine Lust.

Kurz darauf rief die Katzenmama der beiden an und erkundigte sich nach dem körperlichen und seelischen Befinden meiner Schützlinge. „Wissen sie, ihr Kater markiert und stinkt dabei wie Ziegenstall ganz unten“ antwortete ich und erntete erstmal verblüfftes Schweigen. „Der ist doch aber kastriert!“ „Sicher??“ „Klar, die Tierärztin sagte zwar es sei ein Einhoder – was auch immer das ist – meinte aber, da kann nix passieren. Sagte die Züchterin, mit der ich letztens auf Ausstellung noch sprach, auch.“

Ich fiel stante Pedes in Ohnmacht.

Vorsichtig fragte ich nach, ob man bei der Kastration denn nicht nach dem zweiten Hoden gesucht hätte? So in der Leiste oder so? „Nein, der könnte ja noch von allein   kommen – wenn er überhaupt vorhanden sei“.

Uff, das war mir nun neu. Man sagt zwar, dass bei Katern die Hoden noch bis zum Alter von ca. 5 - 7 Monaten absteigen können, aber bei einem einjährigen? Nie gehört. „Könnte er denn noch Babies machen?“ wurde ich gefragt. Die Züchterin hätte beim Kauf des Katers diesem Zuchttauglichkeit bescheinigt…

Mich ereilte eine zweite Ohnmacht, mein bescheidenes Wissen um Genetik wand sich in Krämpfen. Dabei weis doch fast jeder Dösbaddel, dass Einhodigkeit erblich ist und die daran ‚leidenden’ Kater definitiv von der Zucht ausgeschlossen sind!

Die Frage nach der Zeugungsfähigkeit bejahte ich unter Vorbehalt. Es kann zwar nicht jeder, aber manche können definitiv!

„Könnte ich sie und meine beiden Lieblinge denn heute Nachmittag mal besuchen?“ Ich stimmte freudig zu und war gespannt auf die Gesichtszüge der Dosine nach dem ersten tiefen Atemzug im Katzenzimmer… Für die nächsten Stunden verkniff ich mir Eimer und Essigwasser.

Dosine kam, schnüffelte und meinte: „das ist doch gar nicht so schlimm – soooo sehr stinkt es doch nicht.“

„Bitte???“

„Na, also DAS habe ich mir nach ihrer Aussage wesentlich fieser vorgestellt. Das kriegen wir wieder hin.“

Ich schwieg. Besser is. Nun war es an der Dosine auf die Knie zu fallen und eine Rasterfahndung einzuleiten. Auch sie entlarvte den Sessel und fing an zu putzen. Nach mehreren Ladungen Frischwasser und Essig nebst einer längeren Verweildauer im Zimmer glomm auch ihr ein Lichtlein, dass das mit dem ‚schon wieder hinkriegen’ nicht so einfach werden würde.

„Das kriegt man nie wieder raus, es sei denn inklusive Sessel – aber den müssen wir aus Widerholungsgründen an anderen Stellen bis zur Abreise drin lassen“ meinte ich lakonisch und erntete einen skeptischen Blick. Beim Schreck-lass-nach-Kaffee empfahl ich ihr, zuhause schnellstmöglich den Doktor aufzusuchen, um nach dem fehlenden Hoden fahnden zu lassen. „Warum?“ „Na, weil der Kater zuhause nun sicher auch markieren wird und das dürfte bei Auslegeware und Polster sicher nicht gut ankommen.“

Die Stunde der Abreise nahte. Die Katzen wurden wieder sorgfältig verpackt und in den Wagen befördert. Hilfe bekam ich nun auch beim Rausschmiss des Sessels, den ich ruchlos auf unserem Grundstück am Straßenrand abstellte. In den Keller stellen war nicht drin – die armen Mitbewohner! Als ich eine Stunde später wieder runterkam, war der Sessel verschwunden. Weg. In Luft aufgelöst. Ich grinste hämisch vor mich hin – der Dieb hatte an seiner Beute sicher keine lange Freude!

Ein paar Tage später bekam ich einen Anruf aus Berlin. Katerchen markiere nun auch zuhause und sei ins Bad verdammt. Bis zum Tierarzttermin in zwei Tagen auf sicher! Die Voruntersuchung sei allerdings ziemlich komisch gewesen. „Die fragten mich doch allen ernstens, was ich füttere, welches Streu ich nehme, wann, wo und wie er markiert… Kann das sein?“ Im Stillen vermutete ich, dass die Ärztin wohl Angst hatte, den fehlenden Hoden im Bauch zu suchen, sagte aber nichts. „Und dann kam das Beste – nach ca. einer halben Stunde meinte die Tierärztin kleinlaut, sie hätte eine solche OP noch nie gemacht und traut sich nicht ran. Wir müssen nun auf die Chefin warten, die im Urlaub weilt.“ Hatte ich es nicht geahnt? „Und wann kommt die nun wieder?“ „Am Freitag und dann ist auch gleich OP.“

Gespannt wartete ich nun auf das Wochenende und wurde auch  mit einem Anruf belohnt. „Die OP ist gelungen, der Patient lebt, das Ei – übrigens ein Mordsbrocken gemäß Ärztin - ist ab. Und nun rate mal (wir waren inzwischen beim ‚Du’ angekommen) wo sie es gefunden haben??“

„Im Sack? Bischen höher als wie man es eigentlich vermuten würde?“

„BINGO! Woher weist du…?“

„Na, ich hab meine Freundin gefragt. Sie hatte zwei Möglichkeiten auf Lager. Erstens: in Narkose hintenrum noch mal ganz genau nachflöhen; zweitens: Kater aufmachen, auskippen und innen suchen. Mein Bauch düngte mich, auf erstens zu tippen.“ Mein Bauch hatte übrigens auch den schnöden Verdacht, dass der Hoden bei Kastration Nr. 1 einfach übersehen wurde. So ein Riesenei passt schlichtweg nicht wirklich durch die Leiste – aber da muss ich meine Freundin noch mal fragen.

Inzwischen sind ein paar Wochen vergangen und der häusliche Frieden ist zurückgekehrt. Der Kater markiert nicht mehr und nach emsigem Putzen hat sich sowohl bei mir als auch in Berlin der Gestank größtenteils verflüchtigt.

Happy-End! Bis auf, dass ich bis heute nicht weis, wie man Kryptochide richtig schreibt. Aber das brauche ich wohl auch nicht mehr, nein? Und: die nächsten männlichen Pensionsgäste werden haargenau (zumindest hintenrum) unter die Lupe genommen.